07 May 2026, 12:25

Halberstadts vergessene jüdische Vergangenheit: Wie die DDR ihr Erbe verdrängte und bewahrte

Luftaufnahme des Holocaust-Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, die zahlreiche weiße und blaue rechteckige Blöcke zeigt, die in einem Gittermuster angeordnet sind.

Halberstadts vergessene jüdische Vergangenheit: Wie die DDR ihr Erbe verdrängte und bewahrte

Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf stellt die Vorstellung infrage, die DDR habe kein jüdisches Kulturerbe besessen. Seine Forschung enthüllt eine vielschichtige Geschichte jüdischen Lebens in der DDR – insbesondere in Halberstadt, einer Stadt, die einst als Zentrum des neorthodoxen Judentums galt. Die Erkenntnisse zeigen auch die Widersprüche zwischen den antifaschistischen Idealen der DDR und ihrem Umgang mit jüdischer Geschichte auf.

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Die jüdische Gemeinde Halberstadts war einst blühend, doch zwischen 1938 und 1942 wurde sie systematisch zerstört. Die Synagoge der Stadt, 1938 abgerissen, markierte den Beginn ihrer Auslöschung, wie der Historiker Martin Gabriel betont. Nach dem Krieg gab sich die DDR zwar antifaschistisch, doch jüdische Traditionen wurden oft ignoriert oder unterdrückt.

1949 wurde am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt ein Mahnmal eingeweiht, das an die Opfer von Zwangsarbeit erinnern sollte. Zwei Jahrzehnte später, 1969, wurde die Stätte umgestaltet – nicht als Ort der Trauer, sondern als Versammlungsplatz für politische Treuebekundungen. Die neue Anlage entstand direkt über den Gräbern von Häftlingen.

In den 1970er-Jahren wurden die unterirdischen Tunnel des Lagers als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee der DDR zweckentfremdet. Diese Nutzung verdrängte die düstere Vergangenheit des Ortes weiter.

Trotz des offiziellen Schweigens überdauerte jüdische Kultur in kleinen Nischen. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati zog 1952 in die DDR und nahm in Ost-Berlin drei Langspielplatten auf. Auch Romane wie Jakob der Lügner von Jurek Becker oder Die Bilder des Zeugen Schattmann von Peter Edel erschienen im Land.

Jahrzehnte später flackerten antisemitische Haltungen wieder auf. Als 2018 die Halberstädter Rathauspassagen verkauft wurden, murmelte mancher Einheimische von einem „Verkauf an die Juden“ – eine Reaktion, die mit den jüdischen Eigentümern zusammenhing.

Grafs Buch Verweigerte Erinnerung untersucht diese Widersprüche und zeichnet nach, wie Halberstadts jüdische Vergangenheit teils getilgt, teils aber auch im Stillen bewahrt wurde.

Das Verhältnis der DDR zur jüdischen Geschichte bleibt umstritten. Während offizielle Erzählungen dieses Erbe oft ignorierten oder verfälschten, überlebten Spuren davon in Literatur, Musik und Erinnerung. Grafs Arbeit bringt eine Vergangenheit ans Licht, die nie ganz verschwunden ist – nur unter Schichten von Ideologie und Zeit begraben.

Quelle